„Keiner will das Netz zensieren“, sagte Georg Ehrmann in einem Interview auf Readers Edition. Frau von der Leyen erklärte kürzlich einen beachtlichen Anteil der Internetnutzer praktisch zu Kriminellen (der Begriff verabscheuungswürdige Subjekte minderen Lebens träfe es in diesem Kontext wohl eher, da sie ausdrücklich Pädokriminelle nannte) . Herr Ehrmann geht noch ein Stück weiter und stellt indirekt jeden einzelnen Gegner der umstrittenen „Kipo-Sperre“ in die zwielichtige Ecke, denn er greift zu einer altbekannten Phrase: Lobby. Lobbies kennen wir. Die finanzieren Antiraucherkampagnen und freuen sich über die viele Werbefläche für ihre Glimmstengel, oder sie schieben jegliche Verantwortung für Gewalttaten von sich und spielen unterm Verhandlungstisch mit ihren Revolvern und Satellitenwaffen. So stellen die Medien uns jene ominösen Lobbies jedenfalls vor. Herr Ehrmann hat es nun jedoch auf eine gewisse „Internetlobby“ abgesehen. Deren Machenschaften sehen laut Ehrmann ungefähr so aus:
RE: Warum sprechen Sie von einem Erfolg der Internet-Lobby bezüglich der Ablehnung der Pläne der Bundesfamilienministerin gegen Kinder”pornographie”?
Georg Ehrmann: Es muss als Lippenbekenntnis und bloße Imagepflege bezeichnet werden, wenn der Bundesverband der Informationswirtschaft “BITKOM” und der Verband der Deutschen Internetwirtschaft “eco” in Stellungnahmen Kinder”pornographie” als ein scheußliches Verbrechen bezeichnen, zugleich aber mit allen Mitteln den Vorstoß der Bundesfamilienministerin zur Sperrung derartiger Seiten torpedieren. Es wird zwar Zustimmung signalisiert, zugleich aber ein Gesetzgebungsverfahren gefordert. Ein solches kostet Zeit und ist in diesem Jahr nicht mehr zu realisieren.
Dieses Ausbremsen wird von den Lobbyisten der großen Provider und der Internetindustrie in Deutschland forciert: Zum einen wird mit kinder”pornographischen” Inhalten in Deutschland viel Geld verdient, zum andern ist die Sperrung derartiger Seiten mit einem erhöhten technischen Aufwand verbunden. Ein Aufwand, den eine verantwortungsbewusste Branche aber schon längst umgesetzt hätte. Es bedürfte keiner Gesetze, wenn die Internetindustrie geschlossen gegen die Krake der skrupellosen Pädokriminellen vorgehen würde.
Das ist Lobbyarbeit vom feinsten, die hier geleistet wird: Mit teuren Auftragsrechtsgutachten, gut präparierten Abgeordneten und der Nutzung der Medien erinnert das Vorgehen der Internet-Lobby gegen die Sperrung von Kinder”pornographie”-Seiten stark an das Vorgehen der Tabakindustrie in der Debatte um mehr Nichtraucherschutz.
Allein dieser Auszug des Interviews übersteigt den Tagesbedarf eines normalgewichtigen Erwachsenen an Brechmitteln um satte 63%.
Da wagen es diese Pädokassierer allen Ernstes, rechtsstaatliche Maßnahmen auf den üblichen parlamentarischen und juristischen Wegen zu verlangen. Ein Gesetzgebungsverfahren würde also zu lange dauern und in diesem Jahr nicht mehr viel bringen. In diesem Kontext sollte man sich ernsthaft fragen, was eine halbherzige Sperrung der bösen Websites bewirken könnte. Versehentlich stolpern nur die allerwenigsten Nutzer über Kinderpornographie. Diejenigen, die aktiv danach suchen, müssen halt eine oder zwei Minuten mehr Arbeit investieren. Das fragwürdige Material besteht weiterhin und im Idealfall spielen die deutschen „Kunden“ keine Rolle mehr in der Statistik. Klasse! Mahler, Rennicke, Apfel & co. könnten zukünftig betonen, dass Deutsche so grundanständig sind, dass sich kein autochthoner Bundesbürger Kinderpornos im Netz anschaut. Ernsthaft: einen richtigen Nutzen kann man aus der Sperre nicht ziehen.
Des Weiteren unterstellt Ehrmann deutschen Providern eine Profitgier, die jegliche geschmackliche Grenze Lichtjahre hinter sich ließe. Als würde man sich heimlich darüber freuen, Kinderpornos zu hosten und damit Geld zu verdienen. Profit ist das Götzenbild der Wirtschaft, darüber muss man natürlich nicht groß diskutieren. Dieser Vorwurf allerdings hat eine Qualität, die ich fast schon als üble Nachrede , als Verleumdung verstehe. Verantwortungslosigkeit reibt er der Branche unter die Nase. Eine Verantwortungsvolle Branche hätte die entsprechenden Inhalte schon vor hundert Jahren aus dem Netz genommen. Ich kenne die nötigen Prozesse nicht im Detail, aber da es hier vielleicht noch einen ganz ganz schmalen Grat ohne vollständige Überwachung gibt, passt das alte Sprichwort „wo kein Kläger, da kein Richter“ ganz gut. Noch sieht das große Auge nicht alles, also braucht es noch Ohren und eine Nase. Sind die verstopft, wird es schwierig. Aber selbst wenn hier ganz dicke Versäumnisse vorliegen: die Ermittler ertrinken doch angeblich fast in Beweisen und so weiter. Warum sind so viele Seite noch online, obwohl sie auch im breiten Ausland relativ einfach gekillt werden könnten? Wieso lässt man die Server so häufig in Ruhe? Hofft man auf dicke Fische? Dass die nicht gänzlich aufs Internet angewiesen sind, dürfte spätestens der „gesprengte MMS-Ring“ vor einiger Zeit verdeutlicht haben. Es gibt auch durchaus Leute, die die gelbe Post neu entdecken. Verantwortungsvolle Ermittler hätten den bösen Providern wohl deutlich helfen können, verantwortungsvoll zu hosten. Aber nein, in Ehrmanns Welt funktioniert das mit den Kinderschändern genau so wie mit der Pelzindustrie: wenn niemand mehr Pelze will, werden keine süßen Tierchen geschlachtet. Wenn niemand mehr Kinderpornos im Netz sehen kann, werden keine Kinder mehr missbraucht. Bliebe nur noch zu klären, welchen „Marktanteil“ jene Aufnahmen haben, mit denen sich irgendein kranker Papi oder Onkel unter Insidern profilieren will. Und wie viele Missbrauchsfälle überhaupt „verkauft“ werden. Da liegt meines Erachtens ein dicker Hund begraben.
Auch, weil wir es nicht sehen (sollen) – es ist da. Das bringt einen weiteren Punkt, der für mich persönlich alle weitere Kritik an Ehrmanns Äußerungen überragt.
Gerade in seiner Stellung als Vorsitzender der Deutschen Kinderhilfe sollte Georg Ehrmann gegen die Unkultur des Wegschauens vorgehen. Stattdessen aber befürwortet er sie, denn der verwehrte Zugriff auf fragwürdige Internetseiten ist im Grunde genommen nichts anderes als Wegschauen.
Wenn ein Auto in der prallen Sonne geparkt wurde und ein Baby darin sitzt, allein und jämmerlich schreiend, so kann man kurzerhand eine Scheibe zertrümmern und das Kind heraus holen. Oder man hängt Papiertüten vor die Scheiben, damit niemand das hilflose Kind sehen kann. Was würde Herr Ehrmann tun wollen? Was tut er wirklich?
Neueste Kommentare