Wuff! Ich wurde getroffen!

Natürlich habe auch ich den berüchtigten Artikel auf SPON gelesen. Getroffene Hunde bellen bekanntlich und da ich zum gemeinen Blogvolk gehöre, werde ich die Redensart nun auch untermauern.

Deutsche Online-Schreiber haben ein Problem entdeckt: sich selbst. Im Vergleich zu ihren US-Kollegen fehlt es ihnen an Macht und Bedeutung, um die öffentliche Debatte mitzubestimmen. Die meisten sind unpolitisch und rechthaberisch, selbstbezogen und unprofessionell.

Egal, was man über Blogger schreibt, hinterher wird man von ihnen doch nur verdroschen, weil man nix verstanden oder mit den falschen Leuten gesprochen hat. Ist ein bisschen so, als würde man sich einer Sekte nähern, die in internen Grabenkämpfen versunken ist.

Die ersten beiden Absätze des Artikels.

Wie fange ich nun an? Zunächst ein herzliches Willkommen im Web, Frau Hülsen (ich verbeuge mich und gebe einen Handkuss), Herr Brauck und Herr Hornig (kräftiger Händedruck). Schön, dass Sie zu uns gefunden haben. Sie werden bald feststellen, dass unser World Wide Web eine kleine Parallelwelt darstellt. Hier kann man Geld verprassen, sich Fotos oder Videos ansehen und man kann sich mit Menschen austauchen – genau wie auf der anderen Seite des Küchenfensters. Dabei möchte ich nicht verschweigen, dass auch diese Parallelwelt nicht perfekt ist; kriminelle oder anderweitig bedenkliche Machenschaften sind hier leider ebenso zu beobachten. Glücklicherweise haben diverse Organe des Real-Life – das ist unsere Bezeichnung für Ihre Welt 1.0 – ein Auge auf unser gescheitertes Utopia. Ihr Artikel ist ein guter Beweis hierfür; mahnend lenken Sie das öffentliche Auge auf uns.

Wie bereits gesagt, so ist das WWW (Blogs inklusive) eine Parallelwelt. Unsere Welt wurde einst geschaffen von Übersiedlern aus der Ihren. Man träumte vom freien Informationsaustausch, von weltweiten Schwätzchen über Musik und von ungehemmten Diskussionen. Die Pilgerväter besannen sich auch bald ihrer Herkunft und legten Regeln fest. Sie erinnerten sich an die Probleme des Miteinander in der Welt 1.0 und wollten einen Rahmen schaffen, der das hiesige Treiben mindestens so erträglich macht wie bei Ihnen. Die Nachkommen jener Weltenschöpfer sind immernoch sehr menschlich, womit einige Probleme einhergehen. Meinungen prallen aufeinander, es fallen böse Worte und irgendwer meckert immer. Wer sich nicht beliebt macht, der erntet Kritik. Diese Kritik kann konstruktiv sein, oder zumindest sachlich, aber auch wütend. Sie ahnen gar nicht, wie die Fetzen in manchem Diskussionsforum fliegen.

Es ist ein paar Jahre her, da zogen einige mutige Pioniere weiter um das WWW besser zu erkunden. Sie stießen auf einen reizvollen Kontinent und diese Nachricht verbreitete sich rasch. Der Kontinent bot schier unendlich viel Platz für eine neue, etwas einseitigere Form des Austausches. Journalisten wie Ihnen muss ich sicher nichts über gedruckte Zeitungen erzählen, immerhin gehören Sie zu deren Machern. Jeder von Ihnen hat eine Sichtweise und einen Schreibstil, wie sich in all den Artikeln zeigt. Wer dazu etwas zu sagen hat, der kann Ihnen sogenannte Leserbriefe schreiben und manche davon werden gar veröffentlicht.

Ich präsentiere ihnen die ausgedehnten Weiten der Weblogs oder “Blogs”. Diese Blogs lassen sich durchaus mit Ihren Printmedien vergleichen. Es gibt Blogs mit allgemeinen Themen, ähnlich einer Tageszeitung. Es gibt Blogs mit Themenschwerpunkt, welche bei Ihnen zu Hause als Fachzeitschrift bezeichnet werden – richtig? Wer hierher kommt, der geht dorthin, wo er interessante Themen findet. Was nicht interessiert, wird nicht beachtet. Seien Sie mal ehrlich: lesen sie Anglermagazine oder Zeitschriften für Modellbauer?

Hier kommt übrigens ein Vorteil der Blogs ins Spiel: man muss nicht unbedingt Geld investieren und dieses über Verkäufe wieder zurückholen. Wie viele Zeitschriften erscheinen in Ihrer Welt, nur um nach wenigen auflagenschwachen Ausgaben wieder zu verenden? All die Mühe, die Zeit und das hineingeflossene Geld – für die Katz’ ! Vor allem das verlorene Geld schmerzt in Ihrer Welt. Das ist hier nicht ganz so schlimm. Somit kann man seine Gedanken, seine Tipps, seine Aufrufe einfach geradeheraus in den Äther feuern. Dass dies nicht Jeden interessiert, ist natürlich wahr und neue Blogs müssen sich erstmal bemerkbar machen. Große Zeitschriften wie Der Spiegel haben es einfacher. Hauptberufliche Redakteure, Autoren, eine PR-Abteilung und viiiiel Geld für Werbung. Mit Werbung bekommt man Aufmerksamkeit, damit Leser und mit den Lesern bekommt man Gewicht. Der Spiegel zählt zu den Meinungs bildenden Kräften, zusammen mit zig anderen Tages- und Wochenzeitungen. Ein kleines Blog kann da nicht mithalten und es wirkt tatsächlich unwichtig. Doch auch die großen Blogs haben einst klein angefangen. Oftmals steht sogar nur eine einzige Person hinter all den Artikeln. Als Abkömmlinge der Menschen “alter Art” tragen auch sie eine eigene Ansicht im Herzen und die Ansicht findet ihren Weg nach draußen. Eine Person allein kann freilich nur langsam etwas Großes schaffen. Meist pendelt man zwischen Arbeitsleben auf der Welt 1.0 und dem Hobby auf dem Blogkontinent. Haben Sie Hobbies? Spielen Sie vielleicht zweimal wöchentlich Badminton oder pflegen Sie ihren Kleingarten? Sind Sie gut darin? Gut genug, um damit Geld zu verdienen? Üben Sie Ihre Hobbies professionell aus? Hallo? Sind Sie noch da? Keine Antwort ist auch eine Antwort. Schauen Sie; die meisten Blogs sind nur ein Hobby. Man verarbeitet Erlebnisse, man verkündet seine Meinung oder man versucht Anderen hilfreiche Tipps zu geben. Jetzt kann ich es Ihnen ja verraten… der ganze Zirkus über utopische Parallelwelten ist natürlich Humbug. Blogs sind ein Teil Ihrer – nein, unserer Welt. Kleingärten quasi. Oder Sportwagen. Sie alle besitzen doch sicherlich ein Auto. Haben Sie dieses Auto selbst zusammengebaut? Selbst restaurierte Oldtimer verdienen natürlich Respekt. Ich möchte jedoch noch beim Stichpunkt der Professionalität bleiben. Professionelle Blogger basteln sich ihr Blog sozusagen selbst. Sie suchen einen Hoster, sie arbeiten sich in Webserver und Blogging-Plattformen ein. Sie betreiben ihr Hobby sehr ambitioniert. Andere Blogger bedienen sich lieber fertiger Umgebungen. Vielleicht klettert man später eine Sprosse höher, aber jetzt tut es auch ein Fertigprodukt. Professionell ist das nicht, aber man will auch gar nicht professionell sein.

Sie blicken so abwesend in eine andere Richtung. Oder flackert Neid in Ihren Augen? Die Blogger aus den United States of the Almighty haben es Ihnen angetan, gell? Wie sie dort in schillernder Rüstung die Fahne des Land of the free verteidigen. Ich muss ehrlich zugeben, dass wir davon noch ein Stück entfernt sind. In den USA ist es einfacher. Meinungsäußerung wird da drüben nicht ganz so streng kontrolliert, anders als bei uns. An dieser Stelle muss ich Ihnen erneut ins Wort fallen. Sie scheinen der Meinung zu sein, dass deutsche Blogs so gut wie unwichtig seien. Teilt Der Spiegel insgesamt diese Auffassung? Ich meine auch bei Ihnen gelesen zu haben, dass sich die EUropäischen Hirten in Sorgen wälzen. Es gäbe offenbar Blogs, die zu kontrollieren seien. Hat die EU-Clicque Angst vor unwichtigen Blogs? Oder sind diese Blogs wichtig genug, um Besorgnis erregen zu können? Politically Incorrect oder Fact-Fiction sind Ihnen ein Begriff. Da haben Sie Gegenbeispiele zu “völlig egalen” (man erlaube mir den Ausdruck) Blogs. Sie sind sogar wichtig genug, um als “Brutstätte islamophoben Gedankenguts” die knuddelbunte europäische Stabilität zu gefährden…und das Öl aus Asien.

“Don Alphonso” zum Beispiel, ein Blogger, der bürgerlich Rainer Meyer heißt, machte sich jüngst lustvoll daran, die Dünkel der deutschen Blogger-Szene zu zerlegen, als die sich zu einem Kongress traf: “Welcher bekannte deutsche Blogger, der sich auf dem Kongress zeigte, hat eigentlich was zu Themen wie der globalen Finanzkrise zu sagen? Mindestlohn? Vertiefende Analysen zur Verarmung des Mittelstandes? Wie viele Buchkritiken gab es im letzten Jahr, wo sind die Texte, die gekonnt mit Konditionalsatz und Konjunktiv hantieren würden, wo wird Leistung erbracht, die die Debatte der Allgemeinheit erreichen und beeinflussen?”, polterte er.

Es gibt also Blogger, die sich mehr Ernsthaftigkeit beim Bloggen wünschen. Dieser Herr hat es mit seiner Meinung in Ihren Artikel geschafft. Ist diese Meinung mehr Wert als andere? Meine Meinung mal als Beispiel: will mir der Herr vorschreiben, worüber ich zu bloggen habe? Das möchte er sicher nicht. Es ist vermutlich auch besser, dass ich keine Ausarbeitungen zum Aktienhandel anbiete. Davon habe ich nämlich keine Ahnung. Kurzer Blick auf meinen Blogtitel. Ich schwafele einfach gern herum. Tatsächlich gibt es neugierige Nasen, die hierher finden. Knapp über 400 Klicks seit Bestehen. Das sind nicht viele, aber darum geht es mir auch nicht. Wenn ich Menschenmengen erreichen wollte, könnte ich einen anderen Weg einschlagen. Ich könnte mit einem Plakat in der Fußgängerzone sitzen oder Journalist werden und irgendwann meine eigene Zeitung gründen. Ich könnte.

Frei nach dem Motto “leben und leben lassen” wünsche ich Ihnen für den Artikel nicht die Pest an den Hals und auch wüste Beschimpfungen spare ich mir. Sowas hebe ich mir für Dinge auf, die mich wirklich aufregen.

Ein paar Links zum Thema:
BattleKittie aka Ansotica

Chaosblog

Deluxe Label

Hilfe beim Leben

Matha’s WebLogBuch

tutsi.de

~ von unruheherd am Juli 23, 2008.

8 Antworten to “Wuff! Ich wurde getroffen!”

  1. Habe durchgehalten ; )
    und den ganzen Artikel gelesen
    güße

  2. Die unwichtige und unprofessionelle Redaktion dankt. ;-)

  3. der Artikel ist nicht schlecht! aber der Name… erinnert mich an Senfsessel und dergleichen ;o)

    2nd part -
    Die sog. journalistischen Größen schauen belächelnd auf das Gros ihrer lesenden Masse. Allerdings wurde aus dem Kreativ-Input von Blogs, Leserbriefen oder Kommentaren reichlich geschöpft. Nein – Inspirationsquellen muss man nicht benennen um sich volks erdnah darzustellen.
    Wenn schon Sex nicht verkauft, da unangebracht – Provokation bindet ebenfalls, manchmal sogar treffender. Und am Ende eines Tages zählt nur die Statistik und nicht die eingegangene Kritik. Wenn es einem nicht passt… der trolle sich – es gibt ja schließlich noch andere Seiten, Szenen, Hobbies?
    Morgen wird man mit anderen Meldungen aufwarten.

  4. Schönen Dank für den Kommentar. :-)

    Dass einige “Profis” ihre Leserschaft kurz abwinken und nur ihre Zahlen betrachten, ist sicher wahr. Es ist nicht unbedingt schön, auf der einen Seite. Andererseits finde ich es jedoch auch gar nicht so dramatisch. Angenommen, die Autoren würden sich aufgrund unserer Resonanz nun um 180 Grad drehen – sie wären erneut eine Zielscheibe. Rückgratlos, opportunistisch… Allerdings sollte genug Anstand vorhanden sein, um sich mit Reaktionen auseinanderzusetzen. Das muss nichtmal öffentlich geschehen.
    Provokation steht dem Spiegel obendrein besser als Sex Man stelle sich nur mal das “Aufsichtsratsluder der Woche” auf Seite 4 vor. Nein, gar nicht gut.
    Solange niemand weint, ist es auch nur halb so schlimm. Wo bliebe der Mensch im Menschen, wenn er sich voll und ganz gegen Ungefälliges abschotten und fleißig ignorieren würde? “Wenn du nichts gutes zu sagen hast, dann sag lieber gar nichts.” In sensiblen, persönlichen Fällen trifft das wohl zu. Ansonsten gehört der Spruch an Biedermeiers Mittagstisch.

  5. dramatisch – nein; jeder muss irgendwie leben bzw. Geld verdienen. aber wieso erneut Zielscheibe? und mit öffentlicher Provokation war nicht nur der Spiegel gemeint – lese ich im Allgemeinen nicht mehr regelmäßig; Herr Broder lässt es zur Schmonzette werden.

  6. Zielscheibe deswegen, weil sie im Falle einer “Bekehrung” als Duckmäuser dastünden. Das war aber nur ein fixer Gedanke, denn eher wird ein reales Spiderpig gezüchtet. Den Spiegel habe ich bei der Provokation beibehalten, weil diese Zeitschrift perfekt zum Thema passt. ;-) Genauso hätte ich auch TAZ ins Spiel bringen können.
    Ich habe den Spiegel eine Zeit lang gegekauft, allerdings empfand ich zu viele Artikel als unausgegoren. Da gab es bessere Bstimmungen für mein Taschengeld. *g*
    Über Broder bin ich mir selbst nicht klar. Als ich Anfangs einigen Schriftvekehr von ihm las, hielt ich ihn für einen ziemlich arroganten alten Mann; die Antisemitismuskeule stets über der Schulter tragend. Ab und zu lese ich ihn jedoch ganz gern.

  7. arrogant. ob Du es glaubst oder nicht – ich habe ihm persönlich einen ziemlich wütenden Leserbrief nachdem ich einige seiner abgehobenen, dünkelhaften Beiträge zu lesen und hören bekam.
    meinen letzten Satz fand ich zufällig daraufhin in einem seiner Artikel ‘Wo sind sie und wo sind wir?’
    same Stefan Niggemeier.

  8. aber ich will das Thema nicht ausweiten – man bewegt sich irgendwann in einem Loop. was mich stört, ist die Verantwortungslosigkeit von den Mario Barths, Bohlens und Broders dieser Welt.
    ich möchte mich in diesen Kreisen nicht bewegen.

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